„Du kanntest ihn doch gar nicht.“

Wenn Schauspieler sterben, gibt es immer Menschen, die fragen: „Warum bist du denn darüber traurig? Du kanntest denjenigen doch gar nicht.“
Nein. Ich kannte Patrick Stewart nicht persönlich. Aber er hat mich begleitet. Über Jahre. Oder vielleicht genauer: Er und die Figuren, denen er ein Gesicht gegeben hat.
Nun bin ich auch noch Trekkie. Soll heißen: Ich habe „The Next Generation“ nicht nur einmal gesehen. Jean-Luc Picard hat also ziemlich viel Zeit in meinem Leben verbracht. Und mich dabei auch geprägt.
Natürlich war das nicht allein Stewarts Verdienst. Andere haben diese Figur geschrieben, ihre Geschichten erzählt und ihr die Worte gegeben. Aber er hat sie mit Leben gefüllt.
Mehr als ein Captain
Mit Picard habe ich ein ganzes Menschenbild verbunden. Wie man anderen begegnet. Wie man sich weiterentwickelt. Wie man Fehler eingesteht. Wie man ein Team führt, dessen Mitglieder unterschiedlicher kaum sein könnten.
Und vor allen Dingen: wie die Welt und die Menschen darin sein könnten.
Nicht immer heroisch. Sondern menschlich. Mit Fehlern, mit Emotionen, aber eben auch mit einem moralischen Kompass. Mit Integrität. Und mit der Zuversicht, dass Menschen zusammenfinden und Großartiges vollbringen können — trotz ihrer Differenzen und Unterschiedlichkeit.
Das war für mich mehr als gute Unterhaltung.
Natürlich war Patrick Stewart nicht Jean-Luc Picard. Das weiß ich auch. Trotzdem gibt es unter seinen Rollen einige, mit denen ich dieses Gefühl von Vertrauen verbinde. Wer würde sein Leben nicht einem Gurney Halleck anvertrauen? Oder sich an der Schule von Charles Xavier gut aufgehoben fühlen?
Und dann war da sein Captain Ahab. Den würde man nun wirklich nicht als besonders sympathischen Zeitgenossen beschreiben. Aber auch einem Menschen, der so zerrissen und verbittert ist, der letztlich an sich selbst scheitert, gab Stewart eine Eindringlichkeit, die mich fasziniert hat.
Es musste keine Figur sein, der ich folgen wollte. Er konnte mich auch mit einer fesseln, vor der ich lieber Abstand gehalten hätte.
Eine Stimme für trübe Tage
Weil ich Shakespeare sehr gerne mag, war es während der Coronazeit eine besondere Entdeckung: Patrick Stewart las unter dem Hashtag #ASonnetADay regelmäßig dessen Sonette.
Seine tiefe, sonore Stimme hat mich durch einige trübe Coronatage getragen. Okay, Shakespeare hatte daran auch einen gewissen Anteil.
Es waren solche Momente, in denen er mir näherkam, obwohl ich ihn natürlich weiterhin nicht kannte. Auch seine Auftritte in den sozialen Netzwerken hinterließen bei mir den Eindruck, dass ihm Menschlichkeit und Gerechtigkeit jenseits seiner Rollen etwas bedeuteten. Ein Eindruck, gewiss. Aber einer, der zu dem gehörte, was ich mit ihm verbunden habe.
Patrick Stewart ist am 28. Oktober 2026 gestorben.
Das Traurige und zugleich Tröstliche ist: Seine Filme, seine Serien und seine Lesungen bleiben. Die Geschichten, die er mit seiner fantastischen Stimme in die Welt getragen hat, verschwinden nicht mit ihm.
Aber es werden keine neuen mehr dazukommen.
Und das macht mich traurig. Auch wenn ich ihn nie persönlich gekannt habe.
Farewell, Sir Patrick Stewart. You will be missed.




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