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Buchempfehlung: Cum/Ex, Milliarden und Moral

  • Autorenbild: Tanne
    Tanne
  • 1. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Autorin: Anne Brorhilker

 

40 Milliarden EUR wurden den Haushalten von Bund und den Ländern – also uns, den Steuerzahlern – gestohlen. Oder vielleicht anders: Sie wurden vorsätzlich ergaunert, das trifft es vielleicht besser. Also nicht aus Versehen, sondern im großen Stil und vor allen Dingen mit Absicht und natürlich ohne jegliche Moral.


Erschienen 2025 im Heyne-Verlag, erhältlich als Buch oder Hörbuch unter anderem hier.
Erschienen 2025 im Heyne-Verlag, erhältlich als Buch oder Hörbuch unter anderem hier.

Dazu möchte ich kurz anmerken: Das „Sondervermögen“, dass die Regierung jetzt zur „Verfügung“ hat, beläuft sich auf 500 Milliarden Euro, von denen 37 Milliarden bereits für 2025 verplant wurden. Nicht, dass ich falsch verstanden werden, ich denke durchaus, dass das ganze sinnvoll ist, vor allem vor dem Hintergrund der sich ständig verändernden geopolitischen Herausforderungen und wenn man sich anschaut, wie marode unser Sozial-, und Schulsystem ist, von fehlenden Investitionen in die Infrastruktur ganz zu schweigen. Aber:

Umso mehr erstaunt es einen doch, dass der Aufschrei anhand des Cum/Ex-Skandals, bei den meisten in der Bevölkerung nicht ankam. Daher empfehle ich jedem, das Buch von Anne Brorhilker, die als Oberstaatsanwältin maßgeblich an der juristischen Aufarbeitung beteiligt war. Das Buch gibt nicht nur Einblicke in die Mechanismen des Skandals, sondern auch in die Schwierigkeiten der Strafverfolgung.


Und vor allen Dingen, erklärt Brorhilker wirklich für jeden verständlich, dass

nicht so kompliziert ist, wie man es einen gemeinheim immer glauben lassen möchte. Im Grunde ist es nämlich recht einfach:


Bei Cum/Ex-Geschäften tätigen Investoren und Banken Aktiendeals um den Dividendenstichtag einer Aktiengesellschaft herum und lassen sich dann vom Staat Kapitalertragssteuern erstatten, die sie gar nicht gezahlt haben. Oder noch einfacher: Banken haben eine Steuerrückerstattung für etwas erhalten, was aber nie bezahlt wurde.

Brorhilker zeigt in ihrem Buch nicht nur für wirklich jeden nachvollziehbar auf, dass die Finanzwelt unseren Staat rücksichtlos beklaut (hat), sondern auch, womit man als Ermittler im Staatdienst zu kämpfen hat – und da sind fehlende Telefaxe noch das kleinste Problem.

 

„Die kleinen hängt man, die großen lässt man laufen.“


Warum dieser Skandal nicht breiter und öffentlicher aufgearbeitet wird, ist mir ein Rätsel. Wobei, eigentlich doch nicht. Die Finanzlobby hat das Ganze erst mal als „Grauzone“, „clevere Steuertricks“, „Gesetzeslücken, die man ja nur klug genutzt hätte“ etc. gelabelt. Aber ehrlich: Jeder weiß doch, dass man etwas nicht vom Staat zurückfordern kann, was man gar nicht gezahlt hat, oder? Wir reden im Falle von Cum/Ex schlichtweg von Steuerbetrug. Punkt. Aber irgendwie regt es keinen so richtig auf.

 

Strategische Rechtskommunikation


Am besten hat mir persönlich Kapitel 4 gefallen, hier geht es um Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit. Dabei sticht die „strategische Rechtskommunikation“ heraus: Gemeint ist eine Öffentlichkeitsarbeit, die die Kommunikation vor, während und nach juristischen Auseinandersetzungen steuert. Wichtig ist in diesem Zusammenhang eben genau der Umstand, dass Wirtschaftsstraftaten relativiert werden. „Die Finanzhändler/ Banker etc. konnten ja nicht wissen, dass Cum/Ex-Geschäfte eine Straftat waren, denn es war ja möglich, das so zu handhaben.“


Wir erinnern uns: Es wurde Geld vom Staat „zurückgefordert“, welches man gar nicht gezahlt hat. Vollkommen klar, dass man das als Finanzmensch durcheinanderbringt…


Oh, und die Lobbyarbeit wollen wir unter keinen Umständen vergessen. Hier nur eine kleine Info aus dem Buch: Die Finanzlobby ist die größte Lobby noch vor der GDV und der der Automobilindustrie. Unter den Top 100 Lobbyisten sind allein zehn aus der Finanzwelt. Diese gaben allein 40 Millionen EUR für Lobbyarbeit aus. Wohlgemerkt: Nur für das Jahr 2024.

 

Steuerhinterziehung ist halt ein Kavaliersdelikt – zumindest im großen Stil


Schätzungen zufolge entstehen dem deutschen Staat durch Steuerhinterziehung jedes Jahr ein Schaden in Höhe von 100 Milliarden EUR. Ich will mal so sagen, wenn wir das endlich mal abstellen, haben wir das „Sondervermögen“ ja in 5 Jahren wieder raus.


Weiterhin finde ich es absolut faszinierend, dass sich die Bevölkerung lieber über Menschen aufregt, die hier in unser Land kommen und uns Steuerzahler so viel Geld kosten. Von den ganzen „faulen“ Sozialhilfe-Bürgergeld-Empfängern, die doch endlich mal arbeiten sollen, will ich ja gar nicht anfangen.


Ich stelle die Zahlen einfach mal gegenüber:


2024 hat der Staat insgesamt 21,4 Milliarden EUR an Sozialhilfe und 47 Milliarden EUR an Bürgergeld ausgegeben. Im Jahr 2023 wurde der Leistungsmissbrauch im Übrigen mit 260 Millionen angegeben, für das Jahr 2024 habe ich leider keine Zahlen gefunden.

Wenn wir jetzt sehen, wieviel Geld wir durch Steuerhinterziehungen jährlich verlieren (es waren ca. 100 Milliarden EUR, nur zur Erinnerung) dann fragt man sich doch schon, wo genau jetzt die Prioritäten liegen sollten.


Fazit: Brorhilkers Buch legt nicht nur die Mechanismen von Cum/Ex und Cum/Cum offen, sondern auch ein gesellschaftliches Problem: Während über Sozialbetrug laut diskutiert wird, bleiben Milliardenverluste durch Steuerhinterziehung oft erstaunlich folgenlos. „Cum/Ex, Milliarden und Moral“ zeigt, wo die wahren Belastungen für den Staat liegen – und warum Transparenz, politische Verantwortung und konsequente Strafverfolgung dringend notwendig sind.


Wer die Arbeit für eine gerechtere und transparente Finanzwelt unterstützen möchte, sollte einfach hier mitmachen.

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